Ein Jahr ohne Auto
Vor genau einem Jahr habe ich mein Auto verkauft. Nicht etwa, weil ich dringend Geld brauchte oder weil das Fahrzeug nicht mehr funktionierte. Ich wollte einfach herausfinden, ob ich im Alltag auch ohne eigenes Auto zurechtkommen würde. Schließlich heißt es immer, dass man in unserer Stadt fast überall mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinkommt. Meine Freunde hielten meinen Plan für ziemlich ungewöhnlich, und meine Eltern waren überzeugt, dass ich spätestens nach einem Monat wieder ein Auto haben wollte.
Ganz einfach war die Umstellung am Anfang tatsächlich nicht. Vor allem morgens musste ich meine Gewohnheiten ändern. Der Bus zu meiner Arbeitsstelle fährt nämlich nur alle zwanzig Minuten. In den ersten Wochen verpasste ich ihn mehrmals und erschien deshalb manchmal zu spät bei der Arbeit. Inzwischen passiert mir das kaum noch. Ich kenne den Fahrplan fast auswendig und benutze außerdem eine App, die mich rechtzeitig daran erinnert, wann ich losgehen muss.
Auch beim Einkaufen musste ich eine Lösung finden. Ich kaufte mir einen großen Rucksack und zwei Körbe für mein Fahrrad. Kleinere Einkäufe transportiere ich damit problemlos nach Hause. Schwere oder besonders große Sachen lasse ich mir dagegen liefern. Das kostet zwar zusätzlich Geld, ist meiner Erfahrung nach aber immer noch deutlich günstiger, als ein eigenes Auto zu besitzen.
Schwieriger wird es, wenn ich meine Großeltern besuche, die auf dem Land wohnen. In ihrem Ort fährt nur dreimal täglich ein Bus. Deshalb leihe ich mir für solche Fahrten manchmal ein Carsharing-Auto. Eine andere Möglichkeit ist, mit dem Zug bis zu einem Nachbarort zu fahren. Dort holt mich dann meistens mein Onkel ab.
Was mich besonders überrascht hat, sind die finanziellen Unterschiede. Früher gab ich für Benzin, Versicherung, Reparaturen und meinen Stellplatz insgesamt fast 250 Euro monatlich aus. Heute brauche ich für Fahrkarten, Carsharing und Lieferdienste normalerweise nicht einmal 70 Euro im Monat. Einen Teil des gesparten Geldes habe ich im vergangenen Sommer für eine mehrtägige Radtour an der Ostsee verwendet.
Noch wichtiger als die Ersparnis ist für mich inzwischen allerdings etwas anderes: Ich bewege mich wesentlich mehr. Früher nahm ich selbst für kurze Strecken das Auto. Heute gehe ich jeden Tag ungefähr eine halbe Stunde zu Fuß zum Bahnhof. Seitdem schlafe ich besser und habe sogar zwei Kilogramm abgenommen, obwohl ich meine Ernährung nicht verändert habe.
Natürlich gibt es auch Situationen, in denen ich mein Auto vermisse. Bei starkem Regen, bei einem Bahnstreik oder wenn ich etwas Großes transportieren muss, wäre ein eigenes Fahrzeug deutlich bequemer. Trotzdem steht meine Entscheidung inzwischen fest: Ich möchte auch in Zukunft kein eigenes Auto mehr besitzen. Das vergangene Jahr hat mir gezeigt, dass es funktioniert – vorausgesetzt, man plant seinen Alltag etwas genauer.
Das Ergebnis dieser einzelnen Übung ist keine Bestehensprognose und keine offizielle Bewertung.