Kurz bedeutet: jedes Wort hat eine Aufgabe
Aufgabe 3 ist eine kurze E-Mail von ungefähr 40 Wörtern. Häufig schreibst du an eine Kursleitung, Lehrkraft, Vermietung oder andere weniger vertraute Person. Die knappe Länge macht die Aufgabe nicht automatisch leicht: Anlass, geforderte Information, Höflichkeit und gewünschte Reaktion müssen auf engem Raum erkennbar sein.
Ein guter kurzer Text ist nicht kalt. Er ist präzise, respektvoll und handlungsorientiert.
Die Vier-Satz-Architektur
Viele Aufgaben lassen sich mit vier Funktionen lösen:
- Anrede und Anlass: Warum schreibst du?
- Erklärung: Welche relevante Information oder welcher Grund fehlt?
- Bitte/Vorschlag: Was soll die andere Person tun?
- Dank und Gruß: Höflicher Abschluss.
Beispielauftrag: Du kannst nicht an einem Gesprächstermin teilnehmen. Entschuldige dich, erkläre den Grund und bitte um einen neuen Termin.
Sehr geehrte Frau Keller,
leider kann ich den Termin am Donnerstag nicht wahrnehmen, weil ich kurzfristig arbeiten muss. Könnten wir das Gespräch bitte auf Montag oder Dienstag verschieben? Vielen Dank für Ihr Verständnis.
Mit freundlichen Grüßen
Amir Saleh
Der Text ist kompakt, enthält aber alle geforderten Handlungen.
Anrede ohne Ratespiel
| Adressat bekannt | Passende Anrede |
|---|---|
| Frau Keller | Sehr geehrte Frau Keller, |
| Herr Özdemir | Sehr geehrter Herr Özdemir, |
| Name unbekannt | Sehr geehrte Damen und Herren, |
| vertraute Kursleiterin, Aufgabe erlaubt Nähe | Liebe Frau Keller, / Guten Tag Frau Keller, je nach Situation |
Erfinde keinen akademischen Titel. Übernimm den Namen korrekt aus der Aufgabe. Wenn ein Geschlecht oder Name nicht erkennbar ist, bietet „Guten Tag,“ in manchen realen Kontexten eine neutrale Lösung; in der Prüfung solltest du die Hinweise der Aufgabe und die gängigen formellen Konventionen beachten.
Höfliche Bitten statt Telegrammstil
Direkt: „Schicken Sie mir einen neuen Termin.“
Höflicher: „Könnten Sie mir bitte einen neuen Termin vorschlagen?“
Direkt: „Ich brauche die Unterlagen.“
Höflicher: „Wären Sie so freundlich, mir die Unterlagen per E-Mail zu schicken?“
Die zweite Variante muss nicht immer lang sein. „Könnten Sie mir bitte …?“ ist ein sicherer Baustein, wenn er zur geforderten Handlung passt.
Entschuldigen, erklären, lösen
Bei einer Absage hilft die Reihenfolge:
Entschuldigung: „Leider kann ich … nicht …“
knapper Grund: „…, weil ich einen wichtigen Arzttermin habe.“
Lösung: „Wäre ein Termin in der nächsten Woche möglich?“
Eine sehr private Geschichte ist unnötig. Die empfangende Person braucht genug Kontext für die Entscheidung, nicht deine komplette Woche.
Fünf starke Mikrobausteine
- „Ich schreibe Ihnen, weil …“
- „Leider kann ich … nicht wahrnehmen.“
- „Könnten Sie mir bitte mitteilen, ob …?“
- „Wäre es möglich, …?“
- „Vielen Dank für Ihr Verständnis / Ihre Rückmeldung.“
Bausteine sind Werkzeuge, keine fertige E-Mail. Wenn die Aufgabe eine Information verlangt, aber du nur höflich fragst, bleibt sie unerfüllt.
Drei typische Aufgaben, drei Lösungen
Fehlender Kurs
Sehr geehrter Herr Brandt,
leider kann ich am Montag nicht am Deutschkurs teilnehmen, da ich einen Arzttermin habe. Könnten Sie mir bitte mitteilen, welche Aufgaben ich zu Hause bearbeiten soll? Vielen Dank.
Mit freundlichen Grüßen
Olena Petrenko
Reklamation mit Bitte
Sehr geehrte Damen und Herren,
gestern wurde mein Paket geliefert, aber ein Glas war zerbrochen. Ich sende Ihnen ein Foto im Anhang. Könnten Sie mir bitte einen Ersatz schicken?
Mit freundlichen Grüßen
Luis Romero
Termin nachfragen
Guten Tag Frau Stein,
vielen Dank für Ihre Nachricht. Am Mittwoch kann ich erst ab 16 Uhr kommen. Wäre ein Termin um 16:30 Uhr möglich? Über eine kurze Rückmeldung würde ich mich freuen.
Freundliche Grüße
Hana Kim
Diese Beispiele sind bewusst unterschiedlich. Die kommunikative Situation entscheidet über Wortwahl und Abschluss.
Fehler, die bei 40 Wörtern teuer werden
Anlass fehlt
„Ich kann leider nicht kommen“ ohne Datum oder Bezug lässt offen, worum es geht. Nenne den konkreten Termin oder Kurs.
Bitte bleibt unklar
„Bitte helfen Sie mir“ ist zu allgemein. Schreibe, ob du einen Ersatztermin, Unterlagen, Rückerstattung oder Information brauchst.
Anrede und Pronomen passen nicht zusammen
Nach „Sehr geehrte Frau …“ wechselst du nicht zu du. Kontrolliere formelles Sie/Ihnen/Ihre und die Großschreibung.
Zu viele Höflichkeitsfloskeln
„Ich hoffe, es geht Ihnen sehr gut und Sie hatten eine schöne Woche“ verbraucht Raum, ohne den Auftrag zu erfüllen. Ein Dank am Ende genügt.
Wortzahl wird zum Hauptziel
Ein Text mit 43 statt exakt 40 Wörtern ist nicht automatisch das Problem. Ein ausgelassener Leitpunkt ist wichtiger. Orientiere dich an Umfang und Aufgabe, statt während des Schreibens jede Präposition zu zählen.
Kontrolle in 90 Sekunden
Zeige mit dem Finger auf:
- Anlass;
- alle geforderten Informationen;
- konkrete Bitte oder gewünschte Reaktion;
- passende Anrede und Gruß;
- Sie/Ihnen/Ihre;
- Verbposition nach weil/dass.
Wenn du einen Punkt nicht findest, findet ihn die bewertende Person wahrscheinlich auch nicht.
Training mit Variationen
Schreibe nicht fünfmal dieselbe Absage. Nimm eine Grundsituation und verändere jeweils eine Variable:
- Adressat: Freundin → Kursleiter;
- Ziel: nur informieren → Ersatztermin erbitten;
- Grund: Krankheit → Arbeit;
- Medium: kurze E-Mail → formelle Reklamation.
So lernst du Register statt Musterkopie. Den Vergleich mit der persönlichen Nachricht findest du in Aufgabe 1: persönliche E-Mail. Den kompletten 60-Minuten-Prozess erklärt Schreiben: Aufbau und Bewertung. Übungsanlässe stehen unter Goethe B1 Schreiben.
Aufgabe 3 wird stabil, wenn du nach dem Lesen sofort vier Dinge kennst: Wem schreibe ich, warum, was braucht die Person zu wissen und welche Reaktion möchte ich?